Mitten in Wörthsee
Informationen zu Angelegenheiten in Wörthsee und Umgebung
Erstveröffentlichung: 3.12.2025
Ich bin seit 2006 0-8-15-Pendler im Münchner Speckgürtel und mache im Schnitt an vier von fünf Werktagen einer Arbeitswoche die Strecke Steinebach <> München Hackerbrücke. Steinebach liegt am südwestlichen Ast der S8. Es ist da die vorletzte Station vor Endstation Herrsching und ist vom Münchener Zentrum Luftlinie knapp 30 km oder 16 S-Bahn-Haltestellen entfernt.
Das Auto nehme ich stadteinwärts nur notfalls. Eigentlich bin ich S-Bahn-Sympathisant:
Einfach normal dauert laut Fahrplan die Strecke Steinebach <> Hackerbrücke mit der S-Bahn 38 oder 40 Minuten, z. B. stadteinwärts von 08:13 bis 08:51 und stadtauswärts 18:05 bis 18:45. Aber “normal” findet immer seltener statt. Die S-Bahn macht es einem seit Jahren - gefühlt etwa "seit Corona" - immer schwerer, mit ihr zu sympathisieren. Immer öfter ist Chaos angesagt. Man vertrödelt signifikant Zeit in der S-Bahn und an den diversen Bahnsteigen. Man steht in der Kälte oder im Regen und schlägt die Zeit tot. Insbesondere gilt dies zu den Stoßzeiten, wenn viele Leute die S-Bahn nutzen. Dem faktischen Chaos folgend gibt es eine Informationslage vor Ort und im Internet, deren Paradigmen eher die Beschreibung einer Theorie und das Prinzip Hoffnung als die Darstellung der Realität sind. Ein Log zum westlichen Ast der S8 ist hier. Ein Artikel in der SZ zum Thema ist hier.
Es gibt eine Unzahl von Gründen für Verspätungen etc.: Signalstörungen, Weichenstörungen, Stellwerkstörung, Türstörungen, Fahrzeug defekt, Reparatur an der Strecke, Personen im Gleis, Patientenversorgung im Zug, Witterung, Polizeieinsatz, bei eingleisigen Streckenabschnitten Warten auf den entgegenkommenden Zug, Rückstau, Schranke am Bahnübergang funktioniert nicht, Oberleitungsschaden, Störung auf der Stammstrecke, Baustellen, Verspätung aus vorangegangener Fahrt, hohe Verspätung und (>> mein absoluter top favorite >>) sog. "Taktoptimierung" als Begründung für vorzeitige Zugwenden und Rausschmiss aus der S-Bahn (meistens in Weßling) etc. pp.. Man fragt sich, wie viel davon unvermeidbares Schicksal ist und wie viel davon auf runtergekommene Technik, Datendschungel, Tot- und Dummregulierung, Kompetenzwirrwarr, Finanzwirrwarr, langsamen Amtsschimmel, Wurschtigkeit, "war schon immer so und noch nie anders", unpraktikablen Perfektionismus, Personalprobleme, heißgelaufene Haftungsvermeidungsroutinen u. ä. zurückzuführen ist.
Die Münchner S-Bahn ist für ein entwickeltes Land, für eine Industrienation eine Schande. Deutschland gilt vielleicht noch ein bisschen als Land der Pünktlichkeit und der Präzision. Wenn mit dieser Erwartungshaltung ein/e Fremde/r eine S-Bahn des MVV benutzen will, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er/sie feststellt, wie falsch dieses Image mindestens die Bahn betreffend ist. Der Eindruck, den die S-Bahn hinterlässt, ist freundlich gesagt verwunderlich oder amüsant, trocken ausgedrückt sehr oft sehr unzuverlässig und zornig kommentiert der einer unfähigen Bananenrepublik.
Es geht auch anders. Beruflich bin ich ein- oder zweimal im Jahr in Japan. Dort kann man nach der kleinsten Bimmelbahn die Uhr stellen. Wenn der Fahrplan sagt, dass der Zug um 21:19 abfährt und man sieht dann vorher ein paar Hundert Meter weg seine Lichter kommen, weiß man, dass es jetzt 21:17 ist. Die Yamanote-Linie ist eine Ring-S-Bahn um das Tokioter Zentrum herum. Der Ring ist 34 km einmal rundrum und hat 30 Bahnhöfe, an 28 von ihnen kann man umsteigen. Die Linie befördert mehr als vier Millionen Fahrgäste täglich (!), also dreimal München, im Jahr sind das über 1,4 Milliarden Fahrgäste, ein Fünftel der Weltbevölkerung. In den Stoßzeiten ist die Taktung in beide Richtungen 2 Minuten, sonst 4 oder 5. Die Yamanote-Linie ist außerordentlich zuverlässig. 98 % der Züge sind auf die Minute pünktlich. Verspätungen um mehr als 2 Minuten sind außerordentlich selten, Stillstand kommt praktisch nicht vor. Aber man muss gar nicht so weit reisen und extrem schauen. In der Schweiz kommen im hinterletzten Weiler hinter dem allerletzten Berg Bahn und Postbus pünktlich. Und auch im vermeintlichen Chaotenland Italien funktionieren die Züge gut und zuverlässig.
Wenn es ab Pasing stadtauswärts zu Schienenersatzverkehr kommt, kann man Darwinismus in Reinkultur beobachten, weil am Pasinger Bahnhofsplatz niemand nichts organisiert: "Travel of the fittest" kann man das nennen. Die Jungen, Schnellen, Kräftigen, Erfahrenen, Rücksichtslosen schaffen es in die übervollen Busse oder Taxen. Die Langsamen - Opas und Omas und Eltern mit Kindern und Unkundige und Behinderte und Rücksichtsvolle - schaffen es meistens nicht. Die müssen sich damit trösten, dass es in zwei Stunden wahrscheinlich besser wird, und vielleicht lassen McDonald‘s und die anderen Lokale sie zwischendurch auf die Toilette.
Manche Zustände sind wirklich unsäglich. Man fragt sich, ob die unmittelbar Verantwortlichen wissen, was sich in ihrem Verantwortungsbereich alles abspielt. „Man soll die anderen nicht für dümmer halten als man selber ist“ ist ein guter Spruch. Man kann also davon ausgehen, dass die Verantwortlichen die Zustände kennen, denn blöd sind sie bestimmt nicht. Man fragt sich aber dann, ob sie alles Mögliche tun, um die Zustände zu verbessern. Hier darf man wohl zweifeln. Haben die sich daran gewöhnt und in der Misere eingerichtet? Blöd anreden lassen müssen sich nur die S-Bahn-Fahrer am Zug. Alles andere ist anonym.
Erstaunlich ist, dass gegen dieses Chaos
Sind das alles Gott-ergebene bzw. S-Bahn-ergebene Untertanen? Es gibt ja den sog. S-Bahn-Fahrgastverband IGS - Aktuell. Aber das scheinen eher erwachsen gewordene Modelleisenbahner und Zugrestaurierer zu sein. Und PRO BAHN München liest sich in seiner Relevanz und Aktualität eher wie nordkoreanisches Politbüro und nicht wie eine vernünftige Interessenvertretung.
Am Ende ist das Bundesverkehrsministerium für Verkehrsfragen und dabei auch für Bahnfragen zuständig. Von 2010 bis 2020 war das Verkehrsministerium ein CSU-Erbhof, von 2020 bis 2025 hat die ach so schlauen FDP eingeheiratet. Nach der Scheidung ist es jetzt die CDU.
Kardinaltugend Stillstand: Es gibt viele Kriterien im S-Bahn Betrieb, die dazu führen, dass langdauernder irregulärer Stillstand befohlen wird. Wenn immer mehr Stillstandskriterien scharfgeschaltet werden, muss man sich nicht darüber wundern, dass der Betrieb immer öfter stillsteht. Ein Universal-Argument für den Stillstand ist das Apodiktum „Lieber sicher als schnell”. Es passt fast immer, suggeriert Fürsorge, diskreditiert den "Raser" und ist politisch korrekt, weshalb man bitte auch nicht nachdenken und schon gar nicht fragen soll, wenn man es hört. Das zitierte Apodiktum ist aber allermeistens kein Argument, sondern routinierte Abwimmelei:
1. tut es so, als ob es zwischen normal und Stillstand nichts anderes gibt. Aber das ist natürlich Käse. Es gibt alles Mögliche zwischen “Stillstand” und “normal”, zum Beispiel angepasstes Fahren. Das ist auch kein Hexenwerk. Die PKW-, LKW- und Busfahrer machen das tagein tagaus und immer, und auch die S-Bahn-Zugführer machen es, wenn sie Auto fahren.
2. suggeriert das Apodiktum, dass Stillstand sicher und fürsorglich sei. Das stimmt aber in sehr großem Umfang nicht, sondern das Gegenteil ist richtig: Wenn man die unausweichlichen Folgen des Stillstands betrachtet, ist er für die ausgebremsten Passagiere gewiss in jedem Einzelfall problematisch und nachteilig, anders als die hypothetischen Probleme, die durch den Stillstand vermieden werden sollen, aber in vielen Fällen wohl gar nicht kommen würden. Bei S-Bahn-Stillstand kommen für die verspäteten Fahrgäste Termine ins Rutschen, Anschlusszüge und Busse sind weg, die verspäteten S-Bahn-Passagiere müssen nachher hastiger unterwegs sein. Der Stress der Passagiere steigt, die Laune sinkt, Zeit wird verplempert, manche Sachen schafft man nicht wie geplant. Nimmt man eine mittel ausgelastete S-Bahn mit 300 Passagieren an, von denen mehrere wie Perlen auf der Schnur auf der Stammstrecke aufgefädelt sind, nehmen an einem Stillstand schnell 1.000 oder 2.000 oder mehr Personen teil. Es ist bei dieser Masse von Menschen verantwortungslos und nahezu zynisch, so zu tun, als ob der organisierte Stillstand sicher ist und schmerzfrei übe die Bühne geht. Vielmehr ist er schädlich im Miteinander der Menschen (schlechte Laune, 20 Minuten S-Bahn-Trödel fehlen der Familie oder der Arbeit), schädlich für die Gesundheit (Stress, Blutdruck, Hast und Eile sind unfallträchtiger als der normale Trott) und – man traut es sich wegen politischer Inkorrektheit kaum zu sagen – auch wirtschaftlich schädlich.
Und 3. führt die massive notorische Unzuverlässigkeit der S-Bahn dazu, dass Leute dann halt doch mit dem Auto fahren, also als Alternative zum S-Bahn-Glücksspiel sich über die Autobahnen wälzen, CO2 in die Umgebung blasen und Unfälle bauen.
Der Spruch „Lieber sicher als schnell” ist in den meisten Fällen kein Argument, sondern ein Totschläger von Diskussionsunwilligen, die hinter political-correctness-Wolken Versteck spielen. Tatsächlich verdeckt er vielleicht aus dem Ruder gelaufene Verantwortungs-Abwälz-Routinen: Aus Sicht der S-Bahn: Wegen des Stillstands passiert "bei uns" (das ist die S-Bahn) nicht nur "sicher nichts", sondern "ganz ganz ganz super-sicher" nichts, und wenn es hinterher woanders scheppert, z. B. Rumpeldipumpel auf der Treppe, auf der der verspäteter S-Bahn-Fahrer zwei Stufen auf einmal nehmen wollte und sich dabei verhaxt hat, ist das nicht "unser Bier" (das der S-Bahn), sondern gehört zu "selber schuld" beim Ex-Fahrgast.
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