Mitten in Wörthsee
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Kommentar, Fragen
Erstveröffentlichung: 25.11.2025
Um Missverständnisse zu vermeiden, sollen gleich am Anfang die hier angesprochenen „Jungen“ definiert werden. Es sind hier nicht die Kinder und Jugendlichen gemeint, die bei ihren Eltern in Wörthsee wohnen. Die „Jungen“ in diesem Artikel sollen die sein, die sich gerade auf die eigenen Füße stellen, also junge berufstätige Erwachsene, die ihr eigenes Geld verdienen. Mehrheitlich werden sie Singles und kinderlos sein, Ehepartner und Nachwuchs kommen (vielleicht) später im Leben. Alter? Im Schnitt irgendwo über 20, vielleicht gerade fertig ausgebildet oder – etwas älter – fertig studiert.
Was tut Wörthsee für diese Jungen?
Gut möglich, dass die überschriftgebende Frage im Hinblick auf junge Erwachsene mit einer Gegenfrage beantwortet wird: Wo ist denn da Kümmerbedarf? Muss für diese Jungen etwas getan werden? Die sind doch kräftig und wendig und schnell. Die können sich doch um sich selber kümmern. Warum soll Wörthsee sich da kümmern?
Das kann man natürlich fragen, und jedenfalls stehen wir damit mitten im Thema. Zur Schärfung des Blicks kann man sich das Thema auch spiegelbildlich vom anderen Ende her anschauen: Die Frage lautet dann "Was tut Wörthsee für die Alten?", und die spiegelbildliche Gegenfrage ist "Wo ist denn da Kümmerbedarf? Muss für die Alten etwas getan werden? Die hatten doch ein Leben lang Zeit, selbst vorzusorgen. Sie haben Erfahrung und Netzwerke und können sich doch um sich selber kümmern. Warum sollen wir uns da jetzt kümmern?". Schon während des Lesens merkt man, dass letzteres zu den Alten nicht gut klingt. Die abwimmelnde Gegenfrage zu den Jungen klingt nicht besser.
Zur Einordnung sei in Erinnerung gerufen, vor welchem Hintergrund das Sich-Kümmern um die betagten Mitbürger erfolgt. Es betrifft Menschen, die schon Jahrzehnte oder ein (Berufs-)Leben lang Zeit hatten, sich um sich selbst zu kümmern, vorzusorgen, zu planen, womöglich zu erben, und die am Ende des Berufslebens eher die hohen Gehälter hatten und die sozial vernetzt und wirtschaftlich gut aufgestellt sein können. Sicher trifft das nicht in jedem Fall zu. Aber im Münchner Speckgürtel wird es schon öfter so sein als anders.
Wenn dann vor diesem Hintergrund gefragt wird, was Wörthsee für junge Erwachsene tut, seien dazu die bei jungen Erwachsenen sehr anderen Paradigmen aufgezählt: Sie fangen gerade erst an mit dem Geld verdienen, haben noch eher die schmalen Gehälter, sind nicht vernetzt, konnten bisher nicht sparen und vorsorgen und haben wahrscheinlich bisher nicht geerbt. Langer Rede kurzer Sinn: Das, was die Alten nicht mehr an Kraft und Wendigkeit haben, haben die Jungen noch nicht an wirtschaftlichen Spielräumen, Vernetztheit und Vorsorgehistorie.
Und deswegen muss oder soll oder will sich eine Gemeinde um junge Erwachsene kümmern?
"Müssen": Nein.
"Sollen": Man möge sich überlegen, was der Hintergrund zum nebenstehenden Bild ist. Warum muss derart aufwändig um Erzieherinnen geworben werden? Die Antwort ist simpel: Für junge Erwachsene, z. B. eben Erzieherinnen, ist Wörthsee ein Sesam, der sich nicht öffnet. Als junger Erwachsener in Wörthsee zu leben, ist schwieriger als andernorts, und deshalb wird man hier vor Ort bei der Suche nach jungen Berufstätigen nicht fündig, man muss großflächig schrotschussartig auch den Durchgangsverkehr bewerben.
Wo in Wörthsee sollen junge Singles wohnen? Hier steht ein Haus, eine Villa neben der anderen. Aber kleinen Wohnraum für schmale Geldbeutel gibt es praktisch nicht. Z. B. Erzieherinnen müssen nach Wörthsee pendeln. Am besten mit dem Auto, denn jedenfalls Kinderhort und katholischer Kindegarten sind weit weg von der S-Bahn, 2 Kilometer einfach, und es gibt auch ohne Schneematsch schönere Spaziergänge als längs der Etterschlager Straße zwei Mal täglich ohne Gehsteig um den Burgselberg herum. Wenn das Auto neben einer in München und Umland notorisch teuren Miete nicht in ein kleines Budget passt, dann ist das eigentlich schöne Wörthsee "am A.... d.. W..." und steht auf der Liste ganz unten. Dann finden die Kindergärten und Krippen in Wörthsee keine Erzieherinnen mehr, und mit vergleichbaren Berufsgruppen ist es ähnlich.
Wenn doch jemand kommt, wird er oder sie hier nicht Wurzeln schlagen, weil sie nur von 7:30 bis 15:30 hier sind und die Gleichaltrigen für den Feierabend fehlen. Die Präsenz ist übergangsweise, bis sich etwas besser Zugängliches findet. Schon aus diesen schieren Nützlichkeitserwägungen heraus wäre es sicher vorteilhaft, wenn in Wörthsee das "Sesam öffne Dich" für junge Erwachsene auch ohne dicken Geldbeutel funktioniert und wenn die Gemeinde sich irgendwie darum kümmert, dass es so ist oder wird.
Und schließlich "wollen": Will Wörthsee sich darum kümmern, dass Junge hier leben können? Vielleicht ist das die fundamentalste Frage, denn sie berührt die Frage danach, was Wörthsee der Substanz nach ist und sein will, wie die Wörthseer sich sehen, ob und wie sie Teilhabe gestalten wollen, wie nahe man Realitäten und Vielfältigkeiten jenseits der eigenen Umstände an sich heranlässt und ähnliches.
Während der Bürgerentscheide 2021 wurden die auf dem neuen Vollsortimenter geplanten Apartments ja auch als ein Pro-Argument für den Neubau gebracht, da sie den für junge Erwachsene dringend benötigten kleinteiligen Wohnraum schaffen. Man musste da aber gar nicht so hellhörig sein, um auch Statements sinngemäß des Inhalts zu hören, dass solches Jungvolk ja eher Unruhe bringt und man das eigentlich nicht in Wörthsee haben will, weswegen die Apartments alles andere als ein Vorteil seien.
Nun ja - wenigstens klar und ehrlich ist das. Damit wird aktiv das vertreten, was sich wegen des Geldbeutelfilters sowieso einstellt, nämlich Wörthsee als Insel der Seligen, als das Refugium der "happy few", die es aus eigener Kraft geschafft haben, vielleicht vor Jahrzehnten, als es noch leichter war, oder weil sie bei der Auswahl ihrer Eltern besser als andere aufgepasst haben, und die jetzt hinter sich die Tür zu machen wollen.
Ähnlich gelagert sind ebenfalls vernehmbare Aussagen dahingehend, dass man sich schon deswegen nicht um die Junge sorgen müsse, weil die ja selbst gar nicht nach Wörthsee ziehen wollen, weil es nicht "hip" und für sie langweilig sei. Echt wahr? Wahrscheinlich genauso wahr wie die Aussage, dass alle Iren rote Haare haben. Natürlich gibt es genügend Junge, die es nicht dringend in die Großstadt zieht und die gerne in Wörthsee leben wollen. Man muss nicht mit besonders feinem Sensorium ausgestattet sein, um zu merken, dass das Fünfseenland und darin Wörthsee ein Flecken Erde sind, bei dem sich der liebe Gott noch mehr Mühe als anderswo gegeben hat. Wenn dann das Interesse der Jungen daran weggeredet wird, scheint man doch eher Autosuggestion zu betreiben, um nicht zugeben zu müssen, dass man einer der privilegierten "happy few" ist, die die Idylle abriegeln wollen.
Aber statt abschließend zu beantworten, was Wörthsee denn in Sachen Junge wollen soll, sei zur einleitenden Frage zurückgekehrt, was es denn für Junge tut. Es sei gegenübergestellt, was Wörthsee für die "Alten" und was es für die "Jungen" wie eingangs definiert tut:
Für die "Alten":
Um nicht missverstanden zu werden: Es ist gut und richtig und wichtig, dass das so ist! Für die jungen Berufseinsteiger gibt es aber wesentlich weniger:
Und sonst fällt einem für die Jungen nicht viel ein. Lokalpolitisch sind die Interessen junger berufstätiger Erwachsener im Gemeinderat nur schwach repräsentiert . Ohne es so böse zu meinen wie es klingt, kann man den Gemeinderat als eingewachsenen Betrieb mit familiären Zügen bezeichnen, der in vielerlei Hinsicht gute Arbeit leistet, aber in seiner persönlichen Besetzung manche Interessen besser und andere Interessen fast gar nicht "automatisch" abbildet.
Vor kurzem hat der Projektentwickler der Bebauung am Teilsrain der Gemeinde mitgeteilt, dass er von dem ursprünglichen Plan, eher günstige Mietwohnungen zu schaffen, zurücktreten müsse und Eigentumswohnungen bauen und dann verkaufen will, weil die Kombination aus immer teurer werdendem Bauen und den jüngsten finanzrechtlichen Entwicklungen (u. a. Finalisierungsrunde Basel III seit 2023, früher "Basel IV" genannt) die Finanzierung von Mietwohnungen nicht mehr wie vorher geplant erlaubten. Die Bürgermeisterin teilte dies zur Bürgerversammlung am 19. November 2025 auch den anwesenden Bürgern mit.
Klar ist, dass Eigentumswohnungen kein Strukturmerkmal einer Gemeinde sind, das für Junge attraktiv wäre. Sollte es dazu kommen, hätte sich wohl der ursprüngliche Gedanke hinter der Quartiersentwicklung - anfänglich genossenschaftliches Bauen und dann Mietwohnungsbau - in eine deutlich andere Richtung entwickelt. Die Zielgruppe sind nicht mehr "Genossen" und Junge, sondern die, die sich Eigentum leisten können - die Arrivierten, Alten.
Der Laie fragt sich hier unter anderem, warum auf einmal ein 100%iger Richtungswechsel stattfinden muss. Verständlich ist, dass Teuerungen im Wohnungsbau und restriktivere Vorschriften Projektfinanzierungen unmöglich machen können, die Jahre vorher unter anderen Prämissen geplant wurden, so dass Alternativen gesucht werden müssen. Aber warum muss deshalb statt gradueller Änderungen alles Vorherige über Bord geschmissen werden? Warum gehen z. B. nicht Mischformen wie 50/50 Eigentumswohnungen und Mietwohnungen, oder 33/33/34 Eigentumswohnungen und Einheimichenmodell und Mietwohnungen? Waren schon die vorherigen Planungen zum Mietwohnungsbau unernst und nur als Einstiegsköder für die jetzt sichtbar werdende Entwicklung hin zum Verkauf von Eigentumswohnungen gedacht? Oder lässt sich vielleicht doch eine Verwirklichungsform finden, die nicht nur die Interessen des "alten Geldes" berücksichtigt?
Es gibt auch jenseits Wörthsees Aspekte zum Thema. Hier kommt einer:
Die Schlechtrepräsentanz des "Jungvolks" und seiner Interessen in der politischen Arena ist ja auch im Wahlrecht angelegt. Ganz egal, ob man über Kommunal-, Landes- oder Bundeswahlrecht redet, muss man/frau mindestens 18 sein, um mitwählen zu dürfen, drunter geht's nicht. Im Schnitt sind die Erstwähler gute 20 Jahre alt, denn bei allen vier bis sechs Jahren stattfindenden Wahlen muss der ein oder andere anderer fast 22 oder 23 oder 24 werden, bis er zum ersten Mal seine Kreuzchen machen darf. Und wenn man dann Wählen und politisches Gestalten als eher langfristig angelegtes "Arbeiten an der eigene Zukunft" ansieht", dann strahlt das "Unter formal 18 und statistisch 20 nicht wählen dürfen" auch in die Zielgruppe dieses Artikels hinein, indem das im eigenen Interesse liegende Gestalten der näheren Zukunft bis vielleicht in ein Lebensalter von Mitte 20 im Wahlrecht nicht abgebildet ist. Das sind mindestens 25% der Bevölkerung. Die Alten über 60 oder 70 dagegen dürfen schon seit langem allesamt sehr wohl mitbestimmen. Wenn Parteien vor eine Wahl sich darin überbieten, um wie viel Prozente sie die Rente anheben werden, dann haben die Alten eine Wahl und Gestaltungsmöglichkeit.
Nun ist es natürlich so, dass Wahlteilhabe an ein gewisses Lebensalter geknüpft sein muss, und 18 Lebensjahre sind dafür womöglich eine sinnvolle Untergrenze. Genauso gewiss ist aber, dass auch Jüngere als 18-jährige legitime Notwendigkeiten und Interessen haben und auch die Realitäten und Interessen der gut 20- bis 25-Jährigen legitimerweise einer Wählermacht unterworfen sein könnten. Was die Wählerei angeht, können die unter 18-Jährigen nicht ihre eigene Vertretung wählen, sondern müssen sich darauf verlassen, dass das ältere und alte Wahlvolk die Interessen der Jungen nicht niederwählt und dass die von von den Älteren gewählten Repräsentanten die Interessen und Notwendigkeiten der Jungen nicht "vergessen" oder aus Bequemlichkeit mangels Wählerdrucks links liegen lassen.
An diesem Punkt kann man lange herumbrokeln und räsonieren. Es gibt ja zum Beispiel den Gedanken, dass auch Minderjährige ein Wahlrecht haben, dieses aber nicht selbst ausüben können, sondern ihre Eltern das für sie machen, die dann also neben der eigenen eine zweite Stimme hätten. Das würde das politische Wahl-Gewicht weg von der "Alten-Kopflastigkeit" in Richtung Mitte bzw. auf ein breiteres Spektrum verschieben. Natürlich kommt da sofort eine endlose Litanei, warum das "Eltern wählen für Kinder" praktisch und philosophisch und rechtlich und systematisch und wegen 37 weiterer guter Gründe nicht geht. Es ist nicht absehbar, dass dieses Theoretisieren jetzt gerade zu etwas praktisch Brauchbarem führt, außer vielleicht zu diesem: Die realen Teilhaber am realen politischen Diskurs sollen sich bewusst sein, dass die Alten asymmetrisch überrepräsentierten sind und dass sie die unterrepräsentierten Jungen jedweder Art nicht hinten 'runter fallen lassen dürfen. Wenn es doch passiert, entstehen Altersheime.
Man wird nicht umhin können, für Wörthsee die Kümmerei und die lokalpolitische Repräsentanz als zwischen Jung und Alt unsymmetrisch verteilt zu bezeichnen. Über die klare Benennung hinaus soll dies hier nicht als schuldhaftes Versäumnis in der Wörthseer Lokalpolitik kritisiert werden. Die "Alten" sind ja tatsächlich da und bilden so in mancherlei Hinsicht real vorhandenen Kümmerbedarf. Die Jungen sind demgegenüber nicht oder kaum da. Sie betreffend sind die Problem- bzw. Fragestellungen eher abstrakt oder indirekt, so dass die gegenwärtig asymmetrische Widmung a priori kein Versäumnis, sondern schlicht ein Abbild der realen Bedingungen ist.
Die Benennung der Asymmetrie soll aber dazu einladen nachzudenken, ob man das dauerhaft so asymmetrisch haben mag oder ob man das Spektrum vielleicht auch erweitern will. Wenn man Rhetorik treiben will, kann man Wörthsee heute als Paradies für Rentner und Wüste für junge Erwachsene bezeichnen, als ein überaltertes Wohlhabenden- und Rentner-Refugium. Die, die es sich leisten können, sind hier, und die anderen sind … ja wo sind sie denn? Ja mei ... woanders halt ... Gilching ... FFB ... Germering ... oder weiter müncheneinwärts ... ist doch egal ... oder?
Aber es ist halt nicht egal. Wenn Eltern feststellen, dass Wörthseer Krippen und Kindergärten im pädagogischen Personal teilweise hohe Personalfluktuation haben, werden sie sich vielleicht schon ihrer Kinder wegen eine stabilere Situation wünschen. Und es soll auch Eltern und groß gewordene "Kinder" geben, die wünschen, dass die erwachsen gewordenen Kinder nach dem Auszug von zu Hause nicht wegend des Mangels an kleinen Wohnungen gleich auch den Ort verlassen müssen.
Schon dieser egoistischen Motive wegen wäre es schön, wenn Worthsee für junge Erwachsene nicht gar so ein "closed shop" wäre. Und darüber hinaus tuen Abwechslung und frischer Wind durch einen ausgewogenen Generationenmix auch in selbstzufriedener Wohllebe sehr gut. In einer Gemeinde, in der die großen Aufreger ein am Sonntag statt am Samstag tuckernder Rasenmäher, Schlaglöcher in einem Feldweg und Luxusprobleme wie störende Tagesausflügler und die herumstehenden Kräne der lokalen Bauherren sind, werden die Probleme nicht überhand nehmen, wenn man die Diversität über die Generationen hinweg im Auge behält, wenn man also, wiederum pointiert formuliert, der "Artenvielfalt" des homo sapiens genauso aufgeschlossen und förderlich gegenüber steht wie der Artenvielfalt in Flora und Fauna. Dem Biotop Wörthsee tut das eine wie das andere gut.
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